Patrick Naujoks
  Der Recke am Scheideweg
 

Der Recke am Scheideweg
 

 
„Na toll…. Ich habe mich erfolgreich durch so viele Schlachten geschlagen, nein, WIR haben uns durch so viele Schlachten geschlagen, nichts und niemand konnte sich uns in den Weg stellen, ohne mit dem Leben dafür zu bezahlen und jetzt werden wir von einem Stein aufgehalten – von einem einfachen Stein! Wie lange werden wir hier wohl schon stehen? Mir kommt es vor wie Stunden. Vor uns liegt das Totenreich. Sieht schon düsterer aus, als der bisherige Weg, aber so was schreckt uns nicht ab, wir haben schon ganz andere Abenteuer erlebt. Wieso sind wir dann eigentlich noch hier? Was hält uns auf?
‚Nun bist Du an einer Stelle angekommen, an der Du dich entscheiden musst!’ ZACK! Diese Worte sind schärfer als jede Klinge und diese beiden Schädel, einer vom Mensch und der andere vom Pferd, unterstreichen das auch noch. So ergeht es uns auch, wenn wir hier weiter verweilen. Die Krähe da drüben scheint schon darauf zu warten. Warum sind wir dann noch hier? Man sollte meinen es sind nur Worte – einfache Worte auf einem einfachen Stein. Dennoch geht eine ungeheure Macht von ihnen aus. Normalerweise würden wir einfach weiterziehen, weiter zur nächsten Herausforderung, weiter zur nächsten Schlacht…. Aber wofür? Sterben wird jeder sowieso irgendwann mal. Davor bewahrt einen nicht einmal die stärkste Rüstung. Hmm…. Eigentlich ist es solch eine Ironie. So viele Menschen verschwenden ihr gesamte Lebenszeit, um immer mehr und mehr Besitztümer anzuhäufen…. Und wofür? Auf einmal ist man tot – einfach so. Mitnehmen kann man da von seinem Hab und Gut nichts…. Völlig sinnlos eigentlich. Aber wofür ist das Leben denn dann da? Da muss es doch noch mehr geben. Großartig…. Jetzt bringt mich schon ein Stein zum Nachdenken über den Sinn des Lebens. Die Sonne ist auch schon bald nicht mehr da. Was mach ich nur? Weitergehen oder umkehren? Der Tod holt einen so oder so ein, er lässt sich nicht abhängen, nicht einmal für allen Besitz der Welt. Wenn wir hier aber weiter rumstehen, könnte er schneller da sein, als uns lieb ist. Was wird uns wohl im Totenreich erwarten? Was hinter uns liegt, kennen wir ja schon, aber vor uns ist alles neu und unbekannt.
Ach, was soll’s, wenn man im Leben immer dasselbe tut und seinen Gewohnheiten nachgeht, lebt man nicht wirklich. Auf nach vorn! HÜJA!
Der Wind weht um die Ohren, er fühlt sich anders an, so frisch. Die Sonne ist schon fast nicht mehr zu sehen, aber der Vollmond ist schon unterwegs. Ein praktischer Begleiter, bei so einer Reise. Was uns erwartet weiß ich nicht, aber wenn es einen Gott gibt und dieser mit uns noch mehr vorhat, dann kann uns hier nichts und niemand etwas anhaben. Er wird uns tragen. Ich lege unser Schicksal in seine Hände. Was haben wir denn zu verlieren?“


Foto: © Staatliches Russisches Museum, Sankt Petersburg
 
   
 
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